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Geschichte

Füllinsdorf: «Fülschdef», Bezirk Liestal, 330m ü.M., am Sonnenhang über der Ergolz, der heute grossflächig mit Einfamilienhäusern bebaut ist. Im Tal Hochhäuser und Einkaufszentrum, entlang der Rheinstrasse Gewerbezonen Schneckeler, Ergolz und Wölfer.

Wappen: Seit 1946. Springendes silbernes Füllen mit goldenen Hufen und goldener Zunge auf blauem Grund. Obwohl der Ortsname mit dem Tiernamen «Füllen» nichts zu tun hat, wurde schon im 17. Jahrhundert das Füllen gelegentlich als Wappen geführt. Diese Farben wurden gewählt, weil Füllinsdorf einst zur Herrschaft Schauenburg gehörte. Flagge: weissblau.

Die Entwicklung unseres Dorfes

Füllinsdorf steht auf altem Kulturboden. Funde belegen, dass es schon zur Römerzeit besiedelt war. Die Wasserleitung für Augusta Raurica führte durch den heutigen Gemeindebann, bei Bauarbeiten stösst man immer wieder auf Reste; im Wölferhölzli und in der Nähe des Friedhofs ist sie an der Oberfläche zu sehen.

Dort, wo die römische Wasserleitung dem rechten Talhang entlang führte, lag ein römischer Gutshof «Firinisvilla». Unter alemannischen Siedlern wurde ein Vilistorf daraus, was das Weiterbestehen der Siedlung im frühen Mittelalter belegt. Aus dem Jahre 825 berichtet eine Urkunde, dass ein Landbesitzer namens Uppert den dritten Teil seines Besitzes in Firinisvilla dem Kloster St. Gallen übertrug. Später gelangte Füllinsdorf an den Bischof von Basel, der damit die Eptinger belehnte. Diese übertrugen 1277 einen Teil von Füllinsdorf an das Kloster Olsberg, mit Ausnahme des Zehnten und der gesamten Weiden. Weiteren Besitz in Füllinsdorf hatten die Schauenburger als Lehensträger der Grafen von Froburg. 1450 gehörten die Leute und die Steuer von Füllinsdorf der Stadt Liestal. Einen weiteren Siedlungskern bildete anfangs des 11. Jahrhunderts die Burg Altenberg, die aber bereits im gleichen Jahrhundert wieder verlassen wurde.

Füllinsdorf wurde in seiner Geschichte nicht von Katastrophen verschont. So wird von den Chronisten erwähnt, dass 1499, also im Schwabenkrieg, acht Häuser in Brand gerieten und befürchtet werden musste, auch die restlichen drei würden noch zerstört. Im Jahre 1548 wurde Füllinsdorf von den Rheinfeldern (damals unter österreichischer Herrschaft) in Brand gesteckt. Im Pestjahr 1564 konnte die Wahl des Vogtes (eine Art Gemeindepräsident) nicht stattfinden, da nur noch «vier oder fünf Mann aufrecht waren». Drei Ehepaare blieben übrig, die anderen waren gestorben oder verstreut.

Die wirtschaftliche Entwicklung wurde wie anderswo von den natürlichen Voraussetzungen bestimmt. Die Lage einerseits am Fluss in der Ebene und anderseits am Hang führte zur Ausbildung zweier ganz verschiedener Wirtschaftsformen: zu Ackerbau und Viehzucht, Wein- und Obstbau am Hang und in der Ebene, hier zusätzlich durch die Nutzung der Wasserkraft zur Entstehung der Industrie. Im Schönthal, der Talsohle zwischen Frenkendorf und Füllinsdorf, wird schon 1373 eine «Müli zu Fülisdorf» erwähnt, welche den mittleren der drei Ergolz-Wasserfälle zwischen Liestal und Augst nutzte. Diese Mühle blieb bis ins letzte Jahrhundert von Bedeutung. Das historische Interesse erlischt nach einem Ereignis des Jahres 1840: Damals musste die Müllerin ihre Tat des Gattenmordes auf dem Schafott büssen.

Eine weit ehrenvollere Rolle spielte die «Reinlismühle», erstmals im Jahre 1464 erwähnt, indem sie zum Ausgangspunkt grosser Industrieanlagen wurde. 1658 wurde sie von Johann Heinrich Zäslin, dem Oberstzunftmeister der Stadt Basel, erworben. Die Gründungsperiode der Eisenindustrie im Schönthal fällt in die Zeit bis 1710. Auf dem Umgelände der Mühle wurden Hochöfen und Grosshammerwerke errichtet. Das Eisen kam aus den Hochöfen im Jura, die Holzkohle aus dem Solothurnischen und dem Schwarzwald. Die Produkte der Schönthaler Eisenwerke waren begehrt, konnten doch Aufträge wie die Erstellung der Birsbrücke bei St. Jakob und der Frenkenbrücke oberhalb Liestals beim Bau der Eisenbahnlinie Basel-Olten (1851-1858) ausgeführt werden. Mangels Kohle und Erz wurde der Hochofen jedoch stillgelegt und die gesamte Eisenindustrie 1863 liquidiert.

Ein Teil des Zäslin'schen Erbes gelangte in den Besitz von Markus Bölger, der eine Baumwollspinnerei eröffnete. Nach 1822 sank die Nachfrage nach Baumwollprodukten. Der nachfolgende Inhaber wandelte deshalb seinen Betrieb in die "Florettspinnerei Ringwald AG" um, welche nach rund einhundert Jahren 1956 ihre Produktion einstellte. Einzig die kurz vorher verselbständigte Zwirnerei Niederschönthal hat sich, als letzter industrieller Betrieb auf dem nördlichen Schönthalgebiet, bis 1973 behaupten können.

Der Dorfteil am Hang hat sich ganz anders entwickelt. In vielerlei Hinsicht hat aber auch der bäuerliche Teil der Bevölkerung von der Entwicklung im Schönthal profitiert. So kam Füllinsdorf 1750 durch die Vergabung der Anna Beck-Zäslin zu einer eigenen Schule. Das Gebäude, in welchem die Schule untergebracht war, diente einer Gesamtschule für 80 bis 100 Kinder. Am Anfang war es nur einstöckig mit höher gelegenem angebautem Stall. Zeitweise war auch die Post im gleichen Gebäude untergebracht. Heute dient das markante, unter Schutz stehende Gebäude nach mehreren Umbauten als Gemeindeverwaltung. Auch die Gemeindekrankenpflege und der Kindergarten sind als Einrichtungen für die Arbeiterfamilien und ihre Kinder in der Florettspinnerei entstanden. Das Leben in Füllinsdorf wurde während rund 100 Jahren weitgehend von dieser Fabrik bestimmt, die Einwohner waren in vielen Teilen abhängig vom Wohlwollen der Fabrikherren.

Wie wichtig das Industriegebiet von Füllinsdorf im Bewusstsein der Region war, beleuchtet die Namensgeschichte der Eisenbahnstation, die das Gebiet erschloss: Die Station der 1854 in Betrieb genommenen Eisenbahn durch das Ergolztal hiess "Niederschönthal", obwohl sie ganz im Hoheitsgebiet von Frenkendorf lag (und immer noch liegt). Später wurde sie auf Niederschönthal-Frenkendorf und danach -den Ortsbezeichnungen gemäss - auf Frenkendorf-Füllinsdorf abgeändert. Von hier aus erfolgte bis zum Bau der Salinenbahn 1872 der hauptsächlichste Versand der Salzprodukte in die übrige Schweiz.

Füllinsdorf erfuhr wie andere Gemeinden im Einzugsgebiet der Stadt und der Industrie am Rhein in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine stürmische Veränderung. Seine sonnige Hanglage, die verkehrstechnisch günstige Lage und die Erschliessung machten es zum begehrten Wohnort für Pendler. Eine intensive Wohnbautätigkeit setzte ein und veränderte das Dorf radikal. Der Hang wurde zum Einfamilienhausgebiet, die Talsohle wurde durch neue Gewerbebetriebe, Hochhäuser, Wohnblocks und Reiheneinfamilienhaus-Überbauungen sowie ein Einkaufszentrum geprägt. Aus dem alten produktionsorientierten Dorf ist eine Wohngemeinde geworden, deren soziale Zusammensetzung und Strukturen nicht mehr mit derjenigen von einst vergleichbar sind.